Sterbebegleitung-Wie gehe ich mit Todkranken um?

Im Angesicht des Todes - ehrlich oder (Not)lügen?

Wie begegne ich Todkranken?

Sie leben in ihrer eigenen Welt.

Darf ich sagen, was ich denke, wie es mir geht oder muss ich sie schonen? 

 

Vor kurzem habe ich mich mit jemandem unterhalten, der einen Angehörigen begleitet hat. Sie bestätigte meine Erfahrung, dass Kranke viele Dinge anders als Gesunde sehen. 

 

Ich bin mir sicher, dass die Betroffenen insgeheim Erwartungen an ihre Begleiter haben, die kaum oder gar nicht ausgesprochen werden. 

 

Wie sollen Begleiter oder Angehörige sie behandeln? Soll man im Angesicht des Todes ehrlich sein oder lieber lügen?

 

Wie Todkranke behandeln?

Todkranke möchten, dass ihre Angehörige oder Begleiter ehrlich zu ihnen sind und sie behandeln wie Gesunde.

 

Ich hatte auch damit zu kämpfen, denn ich wusste nicht, wie ich mit meiner todkranken Freundin reden sollte.

 

Es gab einen Moment, indem ich total anderer Meinung war als sie und nun, im Angesicht des Todes, war ich unsicher, ob ich ihr wirklich meine Meinung sagen sollte.

 

Ich wollte sie nicht belasten und Rücksicht nehmen, denn schließlich ging es ihr sehr schlecht.

 

Das hielt ich ein paar Tage durch, dann spürte ich, dass ich bald platzen würde, wenn es nicht ausgesprochen wird. Die Sache beschäftigte mich sehr. Ich war der Meinung, sie müsste zumindest wissen, was in meinen Augen absolut falsch lief. 

 

Trotzdem brachte ich es nicht übers Herz und fühlte mich weiter schlecht. Lügen liegt mir nicht und schon immer musste raus, was nötig war. Aber bei einer Sterbenden?

 

Willen respektieren

Bei einem Treffen mit ehrenamtlichen Sterbebegleitern der Malteser, vertraute ich mich einer langjährigen Begleiterin an. Sie gab mir den Rat, nur das zu tun, was ich auch vertreten kann und unbedingt ehrlich zu sein. 

 

Ich folgte ihren erfahrenen Worten und wählte den Weg, meiner Freundin die Lage per WhatsUp zu schildern. Ich hoffte, dass sie dann in Ruhe nachdenkt und wir später darüber reden.

 

Heute, ein paar Monate nach ihrem Tod, frage ich mich manchmal, ob ich es vielleicht doch lieber für mich behalten hätte. Meine Freundin meinte damals, nicht sauer zu sein, zog sich aber für eine Weile zurück. In dieser Zeit habe ich sehr gelitten und mein Gewissen hat mich zusätzlich gestraft.

 

Wir haben später darüber geredet. Sie beharrte auf ihre Meinung und wünschte sich nur eins, dass ich ihren Willen respektieren soll.

 

Das tat ich, wenn auch mit einem mulmigen Gefühl.

 

Aufrichtigkeit brauche ich jetzt mehr als alles andere.

Nachdem ich ihr zumindest die Chance gegeben hatte, die Dinge anders zu betrachten, ist es mir leichter gefallen, ihre Meinung zu respektieren. Ich war mir treu geblieben und sie war es, die nun entscheiden konnte, was zu tun war. Damit war mein Einfluss beendet. 

 

Christine Longaker schreibt über die Bedürfnisse Sterbender in ihrem Buch »Dem Tod begegnen und Hoffnung finden«:

 

»Deine Aufrichtigkeit brauche ich jetzt mehr als alles andere. Wir haben keine Zeit mehr zum Versteckspielen.«

 

Meine Freundin war sehr aufrichtig und wahrheitsliebend und ich weiß, dass sie mich tief im Herzen verstanden hat. Die Situation, in der wir uns befanden, war ungewohnt und für uns beide schwer. Wir hatten noch innige Momente tiefer Zuneigung und diese haben mir gezeigt, dass sich zwischen uns nichts geändert hatte. 

 

Ein weiterer Punkt machte mir damals zu schaffen. Soll ich ihr zeigen, wie es in mir aussieht? Darf ich ihr sagen, wenn ich nicht mehr kann? Sollte ich ihr gute Laune vorspielen, da es ihr ja schon schlecht genug ging?

Lesen Sie dazu den nächsten Artikel:  Sterbende begleiten: gute Laune vorspielen?

  

Vorherigen Artikel lesen:

Klicken Sie hier: Dem- Schicksal begegnen - emotionale Sterbebegleitung

 

Anderen Artikel lesen:

Klicken Sie hier: Die Sterbephasen nach Elisabeth Kübler-Ross, Phase 1

 

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