Sterbende begleiten - Gute Laune vorspielen?

Clown von SubtlePanda
Clown von SubtlePanda

Unheilbare Krankheit, übermäßiges Schwitzen, Lähmung

Erinnerungen bleiben für immer:

Ich bin mit dem Auto zu meiner Freundin unterwegs. Sie hat eine unheilbare Krankheit und kämpft mittlerweile mit einer Lähmung brustabwärts. 

 

Ich denke daran, wie es ihr beim letzten Besuch ging. Sie hat viel geträumt, schwitzte übermäßig, hatte Atemnot und der Rest des Körpers schmerzte. 

 

Ich habe sie mit selbstgekochter Blumenkohlcremesuppe und gerösteten Sonnenblumenkörnern gefüttert. Die hat sie sich gewünscht.

 

Ich muss schmunzeln, denn sie hat sie regelrecht verschlungen. Danach wollte sie noch Kuchen und von den drei Sorten hat sie alle probiert. 

 

Ich freue mich auf sie und weiß, dass es ihr ebenso geht.

 

Angst - beißender Geruch belagert meinen Körper

Dennoch muss ich auch an das befreiende Gefühl denken, welches mich schlagartig umhüllte, als ich beim letzten Besuch ihr Haus verließ.

 

Dieser beißende Geruch, der aus jedem Winkel drang, schien auch meinen Körper belagert zu haben.

 

Ich habe meine Liebe zum Abschied gedrückt und geküsst und ihr Schweiß klebte an mir. 

 

Wenn man so einer Situation noch nie ausgesetzt war, ist man schnell überfordert. Die eigenen Gefühle laufen Achterbahn. Es ist ja die liebste Freundin und doch spürte ich in ihrer Gegenwart auch Unangenehmes.

 

Und nun war ich wieder auf dem Weg zu ihr und ich hatte Angst, dieser Situation, die mich jetzt erwartet, nicht gewachsen zu sein. Was, wenn ich es nicht mehr aushalte?

Was, wenn mir übel wird? Was, wenn sie brechen muss und mir das Würgen kommt?

 

Fragen und Antworten

Ich bin angekommen und greife nach der Suppe, die ich ihr auch heute gekocht habe.

Es ist noch eine Bekannte bei ihr und ich sehe sofort, dass meine Freundin sehr schwach ist. 

 

Das verunsichert mich. Soll ich trotzdem zu ihr gehen? Was, wenn sie mich nicht sehen möchte? 

 

Mir schießen tausend Fragen durch den Kopf und ich habe keine Antworten.

 

Meine Freundin schließt die Augen. Ich sitze neben ihr und streichele ihren Arm. Später schaut sie mich an und wir reden.

 

Ich möchte wissen, wie es so ist, wenn man gelähmt ist? Was sie spürt und wie es ihr damit geht.

Sie meint: »Scheiße. Es ist vollkommen blöd.«

 

Ich taste mich vorsichtig am Bein entlang, sie merkt nichts. 

Trotzdem ist sie optimistisch, denn sie sieht die Reaktion des Körpers als Selbstschutz, um die enormen Schmerzen zu minimieren und sie ist sich sicher, dass die Lähmung wieder verschwindet.

 

»Dem Tod begegnen und Hoffnung finden« Christine Longaker

Im Auto hatte ich überlegt, ob ich ihr zeigen soll, wie es in mir aussieht? Ob ich ihr sagen soll, wenn ich nicht mehr kann? Ob ich ihr zeigen soll, dass es mir schlecht ging?

 

Sollte ich ihr gute Laune vorspielen oder meine wahren Gefühle zeigen?

 

An diesem Tag kam es nicht dazu, dass ich viel Zeit hatte, um über all das nachzudenken und es überschwemmte mich auch nicht die Flut an Eindrücken. Meine Freundin wollte schlafen und bat mich, sie nach dem Essen in Ruhe zu lassen. 

 

Meine Antworten habe ich im Buch »Dem Tod begegnen und Hoffnung finden« von Christine Longaker gefunden.

 

Sie schreibt über die Bedürfnisse Sterbender:

»Ich würde so gern hören, dass ich nicht die Einzige bin, die sich verletzlich fühlt und Angst hat. Wenn du mit gespielter guter Laune und Energie zur Tür hereinkommst, habe ich manchmal das Gefühl, dass ich mein wahres Selbst vor dir verbergen muss.

Wenn wir immer nur über Oberflächliches sprechen, fühle ich mich nur umso einsamer.«

 

Das habe ich beim nächsten Treffen auch umgesetzt und wir haben offen über ihre und meine Gefühle gesprochen. Sterbende zu begleiten ist eine enorme Herausforderung, aber ich habe gelernt, dass es keinen Sinn macht, ihnen gute Laune vorzuspielen. 

 

Beitrag auf YouTube anhören:

Klicken Sie hier: Sterbende begleiten - Gute Laune vorspielen?

 

Vorherigen Artikel lesen:

Klicken Sie hier: Emotionale Sterbebegleitung: Wie gehe ich mit Todkranken um? 

 

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Klicken Sie hier: Die Sterbephasen nach Elisabeth Kübler-Ross, Phase 1

 

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