Verzeihen - Wut, Hass und Aggressionen - emotionale Sterbebegleitung

Beziehungsprobleme

Es gab in meinem Leben eine Zeit, da hatte ich sehr viele Probleme mit meinem Vater. Wir haben uns fast zehn Jahre nicht mehr angeguckt. 

Ich war mir damals sicher, dass diese Trennung das einzig Richtige für uns ist. Ich war voller Wut, Hass und Aggressionen. Ich war über die Beziehungsprobleme so unglücklich, dass diese Gefühle mein Leben und das meiner Familie beherrschten. 

 

Nach und nach wandelte sich etwas in mir. Ich schwankte hin und her zwischen Traurigkeit, Bedauern und Wut.

Ich wusste, dass die Dinge nicht mehr zu ändern waren, aber mir wurde immer klarer, dass ich Angst hatte. Angst, dass er eines Tages sterben würde und ich dann nicht damit klarkäme, mit dem, was zwischen uns schief gelaufen war.

 

Auf dem Friedhof

Zuerst habe ich mich auf dem Friedhof an seinem Grab gesehen. Es war furchtbar und so endgültig. Die nicht gesagten Worte schwirrten um mich herum und stichelten mich: Siehst du, nun ist es zu spät, um ihm noch etwas persönlich zu sagen.

 

Später stellte ich mir vor, wie ich am Krankenbett bei ihm sitze und seine Hand halte. Ich habe viel geweint, denn die Wut nagte an mir, aber auch die Liebe einer Tochter zu ihrem Vater. 

 

Ich fühlte mich zerrissen, denn nachgeben wollte ich nicht, konnte ich nicht.

 

Das Herz öffnen

Aber umso mehr ich mich damit auseinandersetzte, was für ein Mensch er ist, wie seine Kindheit wohl gelaufen ist, welche Rolle Männer und Frauen gespielt haben, umso mehr ich mich in seine Lage versetzte,  um so mehr verstand ich. 

 

Allein dadurch, dass ich anfing umzudenken, wurde ich weicher. Der steinerne Mantel bröckelte. Mein Herz öffnete sich. 

 

Freunde rieten mir ab, mich ihm wieder freundschaftlich zu nähern. Sie meinten, er würde mich wieder tief verletzen und ich stände mit meinem ganzen Gefühlschaos am Anfang. Es sei doch gut, wie es jetzt sei, denn immerhin konnte ich wieder offen über ihn reden, ohne gleich einen Tobsuchts- oder Weinanfall zu bekommen. 

Sie hatten recht und ich litt und haderte weitere Monate. 

 

Schließlich näherten wir uns nach und nach wieder an. 

 

Eine Bekannte von mir hat sich ebenfalls mit ihrem Vater überworfen. Sie versteht überhaupt nicht, warum ich nachgegeben habe. Warum ich wieder mit ihm Seite an Seite sitze und rede, als wenn gar nichts war.

 

Verzeihen - Wut, Hass, Aggressionen loswerden

Ich bin heilfroh, dass ich es geschafft habe, ihm noch zu Lebzeiten mein Herz wieder zu schenken. 

 

Allerdings haben wir bis heute nicht über die Vergangenheit gesprochen. Meiner Meinung nach muss das auch nicht sein. Es würde alte Wunden aufreißen und Dinge zutage bringen, die nicht mehr zu ändern sind. 

 

Ich bin glücklich und sehr dankbar, dass jetzt wieder alles gut zwischen uns ist. Natürlich ist er kein vollkommen anderer Mensch geworden, nein, er ist wie er ist, aber es stört mich nicht mehr. Ich akzeptiere es und ich spüre, dass er mich liebt und ich merke, dass ihm sehr viel daran liegt, dass wir Frieden halten. Das macht mich zufrieden und ich bereue nichts.

 

Im Gegenteil. Ich hätte es ganz schlimm gefunden, wenn ich zu spät reagiert hätte. Was wäre, wenn ich vor ihm auf dem Sterbebett gelandet und wir uns nicht versöhnt hätten? Es hätte mich seelisch zerstört und mir keine ruhige Minute gelassen.

 

Dadurch, dass ich verzeihen konnte, bin ich meine Wut, meinen Hass und meine Aggressionen losgeworden ... und es war nicht zu spät.

 

»Dem Tod begegnen und Hoffnung finden« Christine Longaker

Christine Longaker schreibt in ihrem Buch: »Dem Tod begegnen und Hoffnung finden« über die Bedürfnisse Sterbender. In Bezug auf Konflikte denken und fühlen einige Sterbende folgendes: »Das heißt nicht, dass ich unsere alten Meinungsverschiedenheiten wieder aufwärmen möchte. Ich wünschte, wir könnten uns unsere alten Schwierigkeiten einfach eingestehen, einander vergeben und loslassen."

 

Christliche Lehren und buddhistische Weisheiten

Heute kann ich voll inneren Frieden sagen: Es ist alles gut, wie es ist. Ich danke meinen Einsichten, die ich christlichen Lehren und buddhistischen Weisheiten zuzuschreiben habe. 

 

Hilfe für Sterbebegleiter, Trauerbegleiter ...

Verzeihen kann helfen, angestaute Wut, Hass und Aggressionen loszuwerden. Die emotionale Sterbebegleitung und die Trauerbegleitung kann hier ansetzen und somit Schwerstkranken, Angehörigen und Trauernden helfen. 

 

* Foto: Bei Fotolia von BillionPhotos.com

 

Artikel auf YouTube zum Anhören:

Klicken Sie hier: Bedürfnisse Sterbender-Verzeihen; Wut und Hass loswerden

 

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Klicken Sie hier: Sterbende begleiten: gute Laune vorspielen?

 

Anderen Artikel lesen: Die Sterbephasen nach Elisabeth Kübler-Ross: Phase 1

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Egerer (Sonntag, 12 Juni 2016 21:08)

    Ich hatte mit meinem Vater 17 Jahre keinen Kontakt.Ich habe ihm gesagt was ich von ihm halte zu seinen Lebzeiten.Meine Geschwister haben ihn in ein Seniorenheim gebracht,weil ihn selbst zu Hause keiner haben wollte.Sie haben ihn finanziell komplett ausgezogen.Aber was sollte ich machen er wollte es so.Ich bin seine jüngste Tochter gewesen .Er hatte 4 Kinder und 7 Enkelkinder.Wobei er meine Kinder kaum kannte.Er versuchte zwischendurch mal Kontakt zu meiner Tochter zu halten aber von meinem Sohn wollte er nichts wissen.Nach etlichen Attacken seitens meiner Geschwister meiner Familie gegenüber trat irgendwann absolute Funkstille ein.Wir hörten nichts mehr bis mitte Mai.Folgendes ist passiert.Ich war das letzte mal am Grab meiner Mutter an ihrem Geburtstag im August 2015 .An Allerheiligen musste ich für eine erkrankte Arbeitskollegin arbeiten,ebenso an ihrem Todestag im März.Mitte Mai fuhr ich zum Friedhof um das Grab etwas zu Säubern.Ich kam am Grab an und mir wich die Farbe aus dem Gesicht.Da lag seit Dezember 2015 mein Vater mit im Grab.Wenn man mich gestochen hätte,ich hätte nicht geblutet.Mein Vater lag da schon ein halbes Jahr im Grab und ich hatte keine Ahnung.Keiner meiner Geschwister sagte mir Bescheid.Sie sagten mir auch nicht das er in einem Hospiz gestorben ist.Ich war so wütend auf meine Geschwister .Wie kann man so selbstsüchtig sein und mir keine Chance mehr gegeben haben mich in Würde von ihm verabschieden zu können.Ich hätte mich mit ihm ausgesöhnt und die Vergangenheit sein lassen.So musste ich mir alle fehlenden Informationen zusammen suchen.Meine erwachsenen Kindern seinen Enkelkindern hat man den Abschied genau so verwehrt.Ich bin noch im Schockzustand über do viel Dreistigkeit.

  • #2

    Sylvana Pollehn (Sonntag, 26 Juni 2016 17:58)

    Liebe Egerer, es tut mir sehr leid, was man dir angetan hat. Es ist umso schöner, dass du dich mit deinem Vater versöhnt hast. Das hilft dir ganz sicher, deinen Frieden zu finden. Ich denke an dich und wünsche dir ein liebevolles Leben. Liebe Grüße.

  • #3

    Devorah Oates (Freitag, 03 Februar 2017 11:46)


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