Sterbende verstehen, gerade wenn sie nicht sprechen können

Helper von Hartwig HKD
Helper von Hartwig HKD

Dazu haben wir keine Zeit

Seit Wochen liegt Frau A. im Bett. Die Krankenschwestern kümmern sich routiniert um die Schwerkranke und pflegen sie. Sie hat eine Magensonde, wodurch die langwierige Prozedur der Fütterung fast entfällt. Sie kann noch kauen und schlucken, aber es dauert ewig und somit beschränken sich die Pfleger auf eine Mahlzeit, damit sie es nicht verlernt, wie sie sagen. Auch ein Blasenkatheter sorgt für Erleichterung und somit bleibt sie liegen.  

 

Frau A. ist bei vollem Bewusstsein, kann aber vor Schwäche nicht sprechen. Sie möchte so gerne aufstehen, kann es aber nicht mitteilen. Mittlerweile ist sie stark abgemagert. Sie hört die Schwestern reden: 

Eine junge und unerfahrenere meint: »Wollen wir sie nicht mal aufsetzen? Vielleicht tut ihr das gut und dann kann sie aus dem Fenster schauen. Heute scheint die Sonne so schön.«

»Die hat keine Kraft und wer soll sie stützen? Allein kann sie sich nicht halten. Dazu haben wir keine Zeit.«

 

Die jüngere schaut Frau A. mitleidig an und sagt: »So möchte ich mal nicht sterben.«

»Außerdem ist sie bald weg. Doktor B. will sie ins Pflegeheim verlegen. Bei ihr ist nichts mehr zu machen.« 

 

 

Frau A. Zuckt zusammen, aber das bemerken die beiden nicht. Geschäftig gehen sie zum nächsten Patienten. 

 

Alptraum, Angst, Wünsche zum Lebensende

Mein größter Alptraum ist der, dass ich irgendwo liegen muss und mich nicht mehr äußern kann. 

Niemand versteht mich. Niemand versucht es.

 

Selbst die Angehörigen vertrauen den Weißkitteln und niemand sensibilisiert sie auf meine eventuellen Bedürfnisse. 

 

Was mache ich dann nur mit meiner grenzenlosen Angst? Wer nimmt mir die Schmerzen, ohne mich »abzuschießen«?

 

Wer wird mein Sprachrohr und ermöglicht mir eine erträgliche und sinnvolle Zeit, bis es zu Ende geht? 

 

Mein Wunsch ist es, so lange wie möglich bei klarem Verstand zu bleiben. 

 

Ich wünsche mir, dass sich die Pfleger vorstellen und mit mir wie mit jedem normalen Menschen reden.

 

Es wäre schön, wenn sie mich respektieren, genau so, wie andere es heute - in meinen besten Zeiten - mit mir machen und dass sie mich fragen, was ich möchte. 

 

Ich wünsche mir, dass sie mir ihr Tun vor Beginn jeder Handlung genau erklären und auch akzeptieren, wenn ich es gerade nicht ertragen kann. 

 

Ich möchte schmerzfrei sein, aber bin dankbar für jede alternative Möglichkeit, die die Chemie von mir fernhält oder minimiert. Das ist mir eine Herzensangelegenheit. Wer wird mein Sprachrohr?

 

Die stirbt doch sowieso bald

Ich weiß, dass sogar Ärzte, auf Wunsch von Pflegeheimen um Hilfe für Schwerstkranke, antworten: Wenn ich Morgen Zeit habe, komme ich zu Ihnen.

 

Und ich weiß, dass oftmals gefragt wird, wie alt die oder der Patient sei. Und dann kommt: Die stirbt doch sowieso bald. Ich komme, wenn es zeitlich passt.

 

Ist das nicht erschreckend?

 

Mir ist zwar bewusst, dass das Gesundheitssystem die Bedingungen schafft, in denen alle arbeiten, aber wo bleibt der Mensch, der sich auf die Fahne geschrieben hatte, dass er Menschen immer helfen wird. Was ist mit dem Ehrenkodex und wo bleibt unser Mitgefühl?

 

Mir wird angst und bange, wenn ich daran denke, was sein wird, wenn es mich betrifft.  

Cicely Saunders

Cicely Saunders, die große Vorkämpferin der Hospizbewegung in Großbritannien, schreibt: »Ich fragte einmal einen Mann, der wusste, dass er bald sterben würde, was er von denen, die ihn pflegten, am meisten erwarte. Er sagte: »Dass jemand zumindest den Versuch macht, mich zu verstehen.«

 

Es ist sicherlich unmöglich, einen anderen Menschen ganz und gar zu verstehen, aber ich habe nie vergessen, dass es ja nicht der Erfolg war, um den er gebeten hatte, sondern nur um genug Interesse, es wenigstens zu versuchen.«

 

Was kann man tun, damit nahe stehende oder uns anvertraute Menschen besser versorgt und verstanden werden? 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Maybee (Montag, 09 Mai 2016 10:43)

    Wir, die es jetzt noch können, müssen aufstehen und versuchen dieses System, indem so vieles falsch läuft zu verändern. " Mach den Mund auf für die Stummen" steht an irgendeiner Stelle in der Bibel. Somit bitte ich Euch: macht den Mund auf. Mutig, so als ob es Euer nächster Angehöriger ist, der zu pflegen gilt. Den Ablauf zu stören, indem man mehr Menschlichkeit fordert kann niemand kritisieren! Jeder von uns ist ein Teil dieses Netzwerkes. Wenn sich einer verändert, müssen andere unweigerlich nachziehen. Also, nur Mut!
    Danke Fr. Pohlem für Ihren Beitrag!

  • #2

    Katharine Jeanbaptiste (Donnerstag, 02 Februar 2017 08:06)


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  • #3

    Christof Bieker (Sonntag, 26 August 2018 08:31)

    Warum nicht sprechen über den Tod,wir sorechen doch auch über schwarze Löcher,der doch auch der Tod ist nur Billiard einfach größere!
    Chribie